Der Atem nimmt unter den vegetativen
Grundfunktionen eine besondere Stellung ein: Einerseits regelt
er sich autonom, andererseits ist er auch willentlich zu beeinflussen.
Daraus ergeben sich drei verschiedene Möglichkeiten zu
atmen:
Der
unwillkürliche Atem ist beeinflusst durch eine Vielzahl von inneren und äußeren
Gegebenheiten, er ist normalerweise unbewusst und gleicht
sich mit jedem Atemzug von neuem wechselnden Bedürfnissen
des Organismus an, im wachen Zustand ebenso wie im Schlaf.
Der
willkürliche Atem wird vom Willen verändert und geführt. Er ist zielgerichtet,
und lässt den individuellen, unwillkürlichen Atem
unberücksichtigt. Atemtechniken arbeiten mit einem geführten
Atem. Sie sind in der Regel geprägt von gedanklichen
Vorstellungen und zweckgerichtet.
Im Erfahrbaren
Atem geht es darum, den unbewussten Atem wahrzunehmen,
ohne ihn willentlich zu verändern. Damit steht der Erfahrbare
Atem zwischen willkürlichem und unwillkürlichem
Atem. Diese unbewusste Atemfunktion unmittelbar zu erfahren, ist der Kern der Atemlehre.
Den eigenen
Atem
"wahr"-nehmen ohne ihn zu verändern heißt,
mit tiefen Schichten aus dem Unbewussten in Kontakt zu treten.
Den Atemfluss hemmende körperliche und seelische Haltungen können erfahren werden und sich in einem Prozess der persönlichen Reifung umgestalten. Körpersignale
können mit der Zeit verstanden und ernst genommen werden, Selbstheilungskräfte
mobilisiert werden. Mit wachsender Durchlässigkeit
für die Atembewegung entwickeln sich Lebensfreude,
körperliches und seelisches Wohlbefinden, sowie innere Gelassenheit.
Dieser Erfahrungsweg
setzt eine bestimmte seelisch-geistige Haltung voraus: Hingabe an den Atem, der von alleine kommt, innere
Achtsamkeit für
die gestaltende Kraft des Ausatems, Gelassenheit in der Ruhe, bis der neue Atemimpuls lebendig wird.
Die Atemtherapie geht also über den
rein körperlichen Aspekt der Atmung hinaus. Sie entwickelt
sich aus der leib-seelischen Ganzheit im Unbewussten. Atemerfahrung
ist immer auch ein Prozess der Selbsterfahrung und -Bewusstwerdung. 
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